Was hilft bei Babykoliken?

Die ersten Monate mit einem Neugeborenen sind etwas Unvergleichliches – wunderbar und aufregend. Und trotzdem oft auch sehr anstrengend. Bei aller Freude läuft einiges nicht immer so glatt, das geht vielen jungen Familien so.

Fast ein Viertel aller Säuglinge – Jungen ebenso wie Mädchen – haben zwischen der 2. Lebenswoche und dem 3. Lebensmonat sogenannte Dreimonatskoliken. Das Verdauungssystem und die Darmflora des Kindes sind noch unreif. Und auch eine Überreizung des Säuglings spielt vielfach eine Rolle.

Lesen Sie in diesem Artikel …

  • was man heute über die Entstehung von Koliken weiß
  • woran Sie Dreimonatskoliken erkennen können und
  • was Sie tun können – für Ihr Kind und sich selbst

Welche Ursachen für Babykoliken kennt man?

Lange Zeit dachte man, allein das unausgereifte Verdauungssystem des Kindes sei für einen harten Bauch, Blähungen und heftigen Bauchschmerz verantwortlich. Dafür spricht, dass eine Säuglingskolik keine „Zivilisationskrankheit“ ist und Neugeborene auf der ganzen Welt davon betroffen sind.

Später diskutierte man andere Ursachen wie ungünstige Techniken beim Füttern oder Stillen, bei denen die Kleinen zu viel Luft verschlucken.

Auch Stress und Spannungen im Familienkreis, die noch mangelnde Routine im Alltag sowie eine Überreizung des Kindes werden als mögliche Ursachen genannt.

Seit den 1990er-Jahren ist man zunehmend davon überzeugt, dass Koliken eine Mischung aus all diesen unterschiedlichen Faktoren sind. Das Kleinkind kann mit ihnen einfach noch nicht umgehen. Heute spricht man daher übergreifend von sogenannten frühkindlichen Regulationsstörungen.

Woran Sie Dreimonatskoliken erkennen können?

Die typischen Symptome:

  • Das Kind ist außergewöhnlich unruhig
  • Es schreit übermäßig viel und es lässt sich durch nichts beruhigen
  • Die Beine werden angezogen und immer wieder heftig ausgestreckt, die Händchen sind zu Fäusten geballt, der Rücken ist durchgedrückt
  • Der kleine Bauch ist meist aufgebläht, die Gesichtsfarbe erscheint hellrot bis fahlweiß
  • Das Schreien beginnt meist abrupt am späten Nachmittag und kann bis in den frühen Abend oder mit Unterbrechungen auch länger anhalten

Davon abgesehen ist das Baby gesund und gedeiht. Zwischen den Schreiphasen verhalten sich die betroffenen Kinder unauffällig. 

Wie viel Schreien ist normal?

Alle Babys schreien, wenn sie Hunger haben, sie sich unwohl fühlen, krank sind oder sich Kontakt wünschen. Und leider ja: Alle Babys in allen Familien schreien im 2. Lebensmonat am meisten – täglich bis zu 3 Stunden. Danach entspannt sich die Situation aber meistens deutlich.

Nach dem 3. Monat weint ein Säugling durchschnittlich nur noch rund 1 Stunde am Tag, daher die Bezeichnung Dreimonatskoliken. Nach der sogenannten Dreierregel (nach Wessel) spricht man von einem Schreikind bei Unruhe oder Schreien über mehr als 3 Stunden pro Tag, an mehr als 3 Tagen pro Woche, über mehr als 3 Wochen.

Die unreife Darmflora braucht eine Starthilfe

Ein Neugeborenes muss erst nach und nach die besondere Darmflora aufbauen, um seine Nahrung gut und vollständig verdauen zu können. Die ersten förderlichen Keime, insbesondere Lacto- und Bifidobakterien, bekommt es dazu bereits bei der Geburt von seiner Mutter. Das gilt allerdings nicht bei Kaiserschnittgeburten. In beiden Fällen können Sie aber durch das Stillen und die zusätzliche Gabe von Lactobacillen die Ernährung Ihres Kindes, die Reifung seines Darms und den Aufbau einer gut funktionierenden Darmflora wesentlich unterstützen.

Stärken Sie die Guten – mit dem Lactobacillus reuteri

Milchsäurebakterien aus der Muttermilch spielen bei der Ausreifung der kindlichen Darmflora eine Schlüsselrolle. Bei regelmäßigem Verzehr verdrängen sie nach und nach genau die Bakterien, die Ihrem Baby Schmerzen machen können, z.B. solche, die zu schmerzhaften Gasansammlungen im Darm führen.

Positive Effekte auf die Darmflora haben natürlich vorkommende Milchsäurebakterien wie der aus der Muttermilch stammende Lactobacillus reuteri. Er gelangt in geringer Menge beim Stillen oder durch den gezielten Verzehr in den kindlichen Darm und siedelt sich dort an.

Auch wichtig für das Immunsystem

Sind förderliche Bakterien wie der L. reuteri oder andere Muttermilchkeime in ausreichender Menge vorhanden, verbessert dies nicht nur den Aufbau und die Zusammensetzung der Darmflora. Babys können dann auch besser Nährstoffe aufnehmen. Neben der Verdauung können zudem das Immunsystem und die übermäßige Empfindlichkeit der Darmnerven positiv beeinflusst werden.

Tipps für den Alltag

Luft im Bauch bzw. im Darm tut Ihrem Baby weh, weil sie die Darmwand dehnt und dadurch die Nerven reizt. Ein aufgeblähter Darm kann durch Milchgärungsvorgänge auftreten oder weil das Kleinkind zu viel Luft verschluckt hat. Zum Beispiel, wenn es zu schnell getrunken oder beim Trinken bereits geweint hat.

Beim Stillen

Legen Sie Ihr Baby so an, dass es mit dem Mund die komplette Brustwarze umschließen kann. Stillen Sie nach Bedarf und suchen Sie Hilfe bei Ihrer Hebamme. Hilfe bei Stillproblemen ist eine Kassenleistung und kann durch die Hebamme abgerechnet werden.

Beim Fläschchen geben

Benutzen Sie einen Sauger mit kleinem Loch. Verhindern Sie beim Zubereiten von Säuglingsmilch unnötiges Aufschäumen durch Schütteln.

Tees, Zäpfchen oder Tropfen gegen Blähungen

Manche Heilpflanzen wie Kümmel, Fenchel und Kamille enthalten lindernde Inhaltsstoffe. Fenchel- und Kamillentee können Sie bei Flaschenkindern einfach in die Milch mischen. Kümmelzäpfchen fürs Baby wirken krampflösend und sind einfach anzuwenden.

Hilfe aus dem Arzneimittelschrank?

Eine ganze Reihe von Mitteln enthält Simeticon (Entschäumer). Dieser Wirkstoff soll Bläschen auflösen, die sich aus unverdauter Milch oder verschluckter Luft im Magen-Darm-Trakt des Säuglings gebildet haben. Diese Mittel werden zu jeder Mahlzeit gegeben, helfen den Kindern aber nicht wirklich, die Milch besser zu verdauen. Zusätzlich enthalten sie oft Zucker, Farbstoffe und künstliche Aromastoffe.

Bauchweh wegstreicheln – Nähe und Wärme beruhigen

Geborgenheit ist für Ihren kleinen Schatz wichtig, um Urvertrauen aufzubauen. Kuscheln Sie viel oder singen Sie für Ihr Kind. Auch Herumtragen mögen die Kleinen – im Fliegergriff oder bequem im Tragetuch. Streicheln Sie Ihr Baby, besonders das Bäuchlein im Uhrzeigersinn, und gönnen Sie ihm öfter mal ein warmes Bad. Auch das Pucken, also das feste Einwickeln in ein Tuch, wirkt meist beruhigend.

Gegen Reizüberflutung – einen Gang zurückschalten

Ein Säugling bekommt bereits im Mutterleib viel von seiner Außenwelt mit. Dennoch stürzen nach der Geburt eine enorme Vielzahl von Reizen auf ihn ein. Zu viele Geräusche, ständig wechselndes Licht und unterschiedlichste Gerüche können zu einer starken Überreizung führen. Beobachten Sie also Ihr Kind und schützen Sie es vor unnötigem Stress. Und: Es kann allen helfen, wenn sich die Eltern hin und wieder eine Auszeit nehmen und für eine Weile den Raum verlassen.

Tag/Nacht, laut/leise – strukturieren Sie Ihren Alltag

Natürlich kann auf Anhieb nicht alles funktionieren, ein möglichst geregelter Tagesablauf mit kleinen vorhersehbaren Routinen ist aber enorm wichtig. Legen Sie regelmäßige Zeiten fürs Füttern, Schlafen und Spielen fest. Legen Sie das Baby immer am gleichen Ort zum Schlafen; nachts nur füttern/stillen und wickeln, nicht spielen, wenig reden.

Reagieren Sie mit zunehmendem Alter des Kindes nicht jedes Mal sofort auf das Schreien – auch wenn es Ihnen schwerfällt. Verlängern Sie maßvoll die Zeit Ihrer Reaktion und geben ihm damit die Gelegenheit zu lernen, wie es sich selbst beruhigen kann.

Weniger ist manchmal mehr

  • Nicht zu viel herumtragen
  • Kuschelecke ohne Hintergrundgeräusche, wie z.B. durch den Fernseher
  • Nicht zu viele neue Spielsachen anbieten

Sich Hilfe holen

Gewinnen Sie Verwandte oder Freunde als Babysitter oder Einkäufer (im Notfall prüfen Sie, ob Sie Haushalts- und Familienhilfen durch die Krankenkasse oder das Jugendamt beantragen können).

Können Sie Dreimonatskoliken vorbeugen?

Tatsächlich können Sie den Aufbau einer gesunden Darmflora wesentlich unterstützen, indem Sie Ihr Baby stillen oder ihm förderliche Bakterienkulturen geben. Dies gilt besonders für Kinder von Kaiserschnittgeburten, die noch keinen Kontakt mit gesunden Darmkeimen hatten.

Kein Rauchen mit Baby!

Abgesehen von der allgemein schädlichen Wirkung des Tabakrauchens (insbesondere auch in der Schwangerschaft!) scheint Rauchen sehr wahrscheinlich Blähungen beim Säugling hervorzurufen. Nicht nur die Mutter, beide Elternteile sollten deshalb unbedingt darauf verzichten.

Wann zum Arzt?

Gehen Sie zu Ihrem Kinderarzt, wenn

  • das Baby nicht mehr an Gewicht zunimmt
  • es nicht mehr ausreichend trinkt
  • es krank wirkt
  • andere Beschwerden dazukommen, wie Fieber, Verstopfung, Durchfall oder Erbrechen
  • sich Schmerzen an anderer Stelle lokalisieren lassen
  • sich das Schreien selbst, die Zeiten oder die Dauer plötzlich verändern

Der Arzt wird Ihr Kind zunächst gründlich untersuchen, um auszuschließen, dass es an einer organischen Ursache leidet und eine spezielle Behandlung braucht. Im Fall von Dreimonatskoliken wird er auch versuchen, die ganz besondere Situation des Patienten und der Familie zu verstehen. Dann kann er die Eltern beraten und Lösungen suchen, die die Situation harmonisieren.

Eltern sind manchmal aufgrund der längeren Vorgeschichte unsicher, zweifeln an ihren Kompetenzen oder sind einfach nur erschöpft. Ein Zuspruch kann da sehr helfen.

Auf den Punkt gebracht

  • Für Dreimonatskoliken gibt es keinen eindeutig erkennbaren Grund und gegen die Beschwerden auch kein Hausrezept.
  • Eltern müssen daher detektivisch tätig werden, mehreren Spuren nachgehen, verschiedene Empfehlungen ausprobieren und immer wieder abwarten.
  • Wechseln Sie beim Ausprobieren nicht zu oft und nicht zu schnell. Beobachten Sie immer wieder Ihr Kind, manchmal hilft tatsächlich erst einmal gar nichts. Dann denken Sie ruhig auch mal ein Weilchen an sich.
  • Verlieren Sie nicht den Blick für das, was dennoch gut läuft. Ist das Kleine wach, zufrieden und ruhig, kuscheln oder spielen Sie mit Ihrem Baby. Es wird merken, dass Sie positiv reagieren, den Zusammenhang lernen und sein Verhalten anpassen.
  • Manchmal schütteln Eltern ihr schreiendes Baby aus Stress und Verzweiflung. Tun Sie das niemals! Schon kurzes Schütteln kann schwere gesundheitliche Schäden verursachen und sogar zum Tod führen. Wenn Sie verzweifelt sind, suchen Sie sich Hilfe in einer Schreiambulanz.

Die meisten Babys sind trotz der Schreiattacken gesund und tragen aus dieser Zeit auch keine späteren Schäden davon. Die belastende Zeit geht vorüber und Sie selbst haben ein ausdrückliches Recht darauf, sich zunehmend Pausen und Freiräume zu schaffen. Das tut allen gut!

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