Nahrungsmittelallergien bei Kindern

Blähungen, Quaddeln, rote Augen – viele Anzeichen einer Nahrungsmittelallergie sind unspezifisch. Sie wird daher häufiger vermutet, als sie tatsächlich auftritt. Bei weniger als 6 von 100 Kindern sind es wirklich Allergene in Speisen oder Getränken, wenn Bauchweh, Jucken oder Unwohlsein sie plagen.

Häufig bleibt die Reaktion auf ein Lebensmittel zum Glück ein Einzelfall oder erweist sich als Unverträglichkeit. Tröstlich auch zu wissen: So manche Allergie, gerade bei kleinen Kindern, verschwindet nach und nach von selbst.

Lesen Sie in diesem Artikel …

  • was eine Nahrungsmittelallergie ist und wie sie sich von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit unterscheidet
  • wie bewährte Therapien Ihrem Kind dauerhaft genussvolles Essen ermöglichen und
  • was Sie selbst noch tun können, um Nahrungsmittelallergien vorzubeugen

Was ist eine Nahrungsmittelallergie und wie entsteht sie?

Eine Lebensmittelallergie ist eine allergische Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Eiweiße in der Nahrung.

Beim ersten Kontakt des Körpers mit dem körperfremden Eiweiß aus dem Lebensmittel (= Antigen) kommt es zur Sensibilisierung. Immunzellen erkennen das Antigen als „fremd“. Um es zu eliminieren, bilden sie Antikörper gegen das körperfremde Eiweiß und sensibilisieren die sogenannten Mastzellen. Der Erstkontakt verläuft oft unbemerkt, da er noch keine Beschwerden verursacht.

Beim erneuten Kontakt binden die Antikörper an das körperfremde Eiweiß aus dem Lebensmittel. Es kommt zur Aktivierung der Mastzellen. Diese schütten bestimmte Botenstoffe, wie z.B. Histamin aus. Die typischen Allergiesymptome sind die Folge.

Allergie oder Unverträglichkeit – der kleine Unterschied

Bei einer Lebensmittelallergie reagiert das Immunsystem auf ein Fremdeiweiß in der Nahrung. Eine Unverträglichkeit hat oft ähnliche Auswirkungen und wird daher auch Pseudoallergie genannt. Beispiele hierfür sind die Laktose-Intoleranz und die Histamin-Unverträglichkeit.

Bei einer Allergie sind Antikörper im Blut nachweisbar. Bei einer Intoleranz ist das Immunsystem nicht beteiligt.

LebensmittelallergieUnverträglichkeit (Pseudoallergie)
UrsacheÜberreaktion des Immunsystems mit Antikörperbildung Keine Beteiligung des Immunsystems,
meist Enzymmangel
SymptomschwereBereits geringe Allergenmengen reichen ausAbhängig von der Dosis
KrankheitsverlaufMeist rasche Symptomentwicklung,
potenziell lebensbedrohlich
Beginn individuell unterschiedlich,
nicht lebensbedrohlich
MaßnahmenPenibler Umgang mit Allergenen, am besten vollständig meiden (= Karenz),
Einnahme antiallergischer Arzneimittel
Bei Bedarf Enzymgabe,
keine strenge Karenz
DiagnostikHauttest (Prick-Test),
IgE-Antikörper-Nachweis aus Blut- oder Haarprobe,
oraler Provokationstest unter medizinischer Aufsicht
Enzymmangeltest,
H2-Atemtest
BeispieleHühnerei, Kuhmilch, Nüsse, Soja, FischLaktose, Fruktose, Histamin

Wer muss mit einer Lebensmittelallergie rechnen?

Warum bestimmte Lebensmittel auf einige Menschen allergisch wirken, ist bis heute ungeklärt. Experten diskutieren seit einigen Jahren die in westlichen Ländern teilweise übertriebene Hygiene. Auch Umweltverschmutzung wird als zusätzlicher Faktor häufiger genannt.

Als gesichert gilt: Wer an anderen Allergien leidet und zum Beispiel Neurodermitis, atopische Dermatitis, allergisches Asthma oder Heuschnupfen hat, ist auch häufiger von Allergien auf bestimmte Nahrungsmittel betroffen. Lebensmittelallergien treten in Familien nicht selten gehäuft auf. Eine erbliche Komponente ist daher wahrscheinlich.

Das Risiko für eine Nahrungsmittelallergie

  • Bei einem Kind ohne erbliche Vorbelastung: 4–6 %
  • Bei einem Kind mit einem Elternteil, der Allergiker ist:
    20–40 %
  • Bei einem Kind mit beiden Eltern, die Allergiker sind:
    50–60 %

Nahrungsmittelallergien sind vielgestaltig

Viele kleine Nahrungsmittelallergiker reagieren vor allem mit sichtbaren Beschwerden. Die Symptome sind dabei sehr unterschiedlich:

  • Die Haut hat Rötungen und juckt.
  • Ausschlag und Schwellungen (Ödeme) machen sich breit , besonders an den Lippen.
  • In Mund und Rachen entsteht Juckreiz oder ein pelziges Gefühl.
  • Im Magen-Darm-Trakt kommt es zu Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall.
  • Ein Teil der Kinder reagiert im Bereich der Atemwege mit Anzeichen wie Husten und sogar Atemnot.
  • Allgemeine Müdigkeit, Mattheit oder Kopfschmerzen sind ebenfalls keine Seltenheit.

Ei, Milch und Erdnuss – häufige Auslöser einer Lebensmittelallergie

Theoretisch kann jedes Nahrungsmittel eine Allergie auslösen. Die Top-3 bei Kindern sind Hühnerei, Kuhmilch und Erdnüsse. Darauf folgen Cashew- und Haselnüsse sowie Soja und Weizen. Auch Fisch steht weit oben auf der Liste. Gut zu wissen: Gerade eine Allergie gegen Lebensmittel wie Kuhmilch und Hühnerei verschwindet meist im Laufe der Kindheit. Viele andere Allergien erledigen sich leider nicht von alleine. Gerade eine Allergie gegen Erdnüsse bleibt meist ein Leben lang.

Bitte Vorsicht: Erdnüsse sind nicht immer Peanuts

Die Stärke der Allergieanzeichen kann sehr unterschiedlich sein und variiert von Mensch zu Mensch. Leichte Symptome finden sich ebenso wie mittelschwere. Manchmal reagiert der kleine Kreislauf aber mit Blutdruckabfall, der in seltenen Fällen bis zum lebensbedrohlichen Schock (Anaphylaxie) mit Kreislaufstillstand führen kann.

Gleich sofort – oder erst später

Gerade bei Kindern ist die allergische Reaktion vom Soforttyp verbreitet. Die Reaktion erfolgt hier innerhalb der ersten 2 Stunden.

Beispiel für einen heftigen Verlauf: Beim Füttern des ersten Milch-Getreidebreis schwellen bei einem Kleinkind die Augen an. Anschließend wirken auch die Lippen verdickt. Wenig später juckt der ganze Körper. Es kommt Husten hinzu und der Atem wird schwer. Hier ist keine Zeit zu verlieren und die Behandlung durch den Notarzt einzuleiten.

Bei einer Reaktion vom Spättyp beginnen die Anzeichen verzögert, manchmal mehrere Stunden nach der Nahrungsaufnahme. Faustregel: Je langsamer sich die Beschwerden bemerkbar machen, umso ungefährlicher ist die Situation.

Kreuzallergien

Bei älteren Kindern und Erwachsenen treten Lebensmittelallergien in den Vordergrund, die indirekt mit Pollen verbunden sind. Manche Pollen-Allergene ähneln in ihrer Struktur bestimmten Eiweißen aus Obst und Gemüse. Diese sogenannten Kreuzallergien sind zum Beispiel bekannt bei Birkenpollen. Sie lösen oft eine Lebensmittelallergie gegen Kern- und Steinobst aus.

Der Weg zur Diagnose

Wenn Sie eine Lebensmittelallergie bei Ihrem Kind vermuten, sprechen Sie am besten mit Ihrer Kinderärztin/dem Kinderarzt. Erfahrene Mediziner können bewerten, ob die Anzeichen tatsächlich für eine Lebensmittelallergie oder eher für eine Unverträglichkeit sprechen. Ein Nahrungs- und Symptom-Tagebuch vereinfacht es, Zusammenhänge zu erkennen. Darin werden über mehrere Wochen hinweg alle verzehrten Lebensmittel und Getränke sowie eventuell auftretende Beschwerden dokumentiert.

Oft wird ein sogenannter Prick-Test durchgeführt, bei dem verschiedene Allergene mit einem kleinen Piks in die Haut „geprickt“ werden. Die anschließende Rötung und Quaddelbildung zeigt, welche Lebensmittel allergisch wirken.

… kann Spuren enthalten von …

Hat der Mediziner bestimmte Nahrungsmittel als verdächtig erkannt, streichen Sie diese für die kommenden Wochen konsequent aus der Nahrung Ihres Kindes. Dabei beobachten Sie, ob sich Symptome wie Juckreiz und Ekzeme unverändert zeigen oder sich bessern.

Die direkte Konfrontation – der Provokationstest

Die Diagnose kann anschließend zusätzlich gesichert werden durch einen oralen Provokationstest. Dabei nimmt die kleine Patientin oder der kleine Patient das Allergen des zuvor weggelassenen Lebensmittels unter ärztlicher Aufsicht ein. Treten die Symptome wieder auf, ist der Auslöser entlarvt. Für den Fall einer heftigen Immunantwort ist ärztliche Hilfe sofort zur Stelle.

Tipps für den Alltag

  • In erster Linie heißt es: Die auslösenden Lebensmittel meiden! Das ist mit einiger Konsequenz oft möglich.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind weiterhin ausgewogen, vitamin-, mineral- und ballaststoffreich ernährt wird. So vermeiden Sie, dass die Allergie zu Mangelerscheinungen führt. Manchmal bietet sich der Griff zu alternativen Nahrungsmitteln an.
  • Oft sind nicht alle Inhaltsstoffe eines Lebensmittels ersichtlich oder korrekt deklariert, z. B. in Bäckereien, bei Fertigprodukten oder beim Restaurantbesuch. Eine professionelle Ernährungsberatung kann Sie hierzu ausführlich beraten.
  • Bei leichten Allergiebeschwerden kann die vorbeugende Gabe von Cromoglicinsäure (z. B. in Pentatop®) 15–30 min vor dem Essen helfen. Vor allem auf Reisen, im Restaurant und immer dann, wenn Sie nicht genau wissen, welche Nahrung Ihr Kind gerade erwartet, kann Pentatop® hilfreich sein. Durch die lokale Wirkung direkt im Darm ist es gut verträglich und wirkt anti-allergisch, ohne müde zu machen.
  • Informieren Sie die Kontaktpersonen in Kindergarten, Schule, Familie und Freundeskreis über die bestehende Allergie. So können alle zum Wohle des Kindes an einem Strang ziehen.
  • Akute allergische Reaktionen können gut mit sogenannten H1-Antihistaminika behandelt werden. Da viele Wirkstoffe aus dieser Gruppe jedoch müde-machende Nebenwirkungen haben, werden sie in der Regel nicht zur Dauertherapie eingesetzt.
  • Bei schweren allergischen Reaktionen wird der behandelnde Arzt ein Notfallset verschreiben. Es enthält Antihistaminika, Kortison-Präparate und ggf. einen Adrenalin-Pen.

Pentatop®

Pentatop hilft bei regelmäßiger Einnahme vor den Mahlzeiten, Beschwerden durch eine Nahrungsmittelallergie wie z.B. Übelkeit, Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme zu reduzieren oder ganz zu vermeiden.

Zusätzliche Tipps

  • Viele Obst- und Gemüsesorten werden durch Kochen, Braten, Zerkleinern oder Säuern verträglicher.
  • Tierische Allergene, z. B. aus Ei und Milch sowie Eiweiße in Nüssen sind meist hitzestabil. Hier hilft nur das Meiden.
  • Seien Sie besonders bei Fertigprodukten skeptisch. Sie können versteckte Allergene enthalten.

Wie kann man einer Nahrungsmittelallergie vorbeugen?

In der Schwangerschaft oder Stillzeit brauchen Mütter nicht auf Nahrungsmittel zu verzichten, die häufig Allergien auslösen. (Es sei denn, sie sind selbst gegen diese allergisch.) Im Gegenteil: Während der Schwangerschaft und über die Muttermilch kann das Immunsystem des Babys am besten vorbereitet werden.

Stillen ist für Babys für eine Dauer von mindestens 4 bis 6 Monaten die vorteilhafteste Ernährungsform. Sie beugt auch Allergien vor.

Für nicht-gestillte oder zugefütterte gesunde Säuglinge aus Familien ohne erhöhtes Allergierisiko ist normale Flaschen-Nahrung mit intaktem Eiweiß zu empfehlen. Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde rät für Babys aus Familien mit erhöhtem Allergierisiko zu sogenannter HA-Nahrung.

Die WAO-Leitlinie sieht Vorteile einer Flaschennahrung mit Prä- und Probiotika für Säuglinge, die nicht voll gestillt werden. Bei erhöhtem Allergierisiko des Kindes sollte die Nahrung der Mutter in Schwangerschaft und Stillzeit Probiotika enthalten. Ebenso sind Probiotika in der Beikost von Kindern mit Allergierisiko zu empfehlen. Mit Beginn der Zufütterung ist ein vielfältiger Speiseplan mit Obst, Gemüse und Milchprodukten für Babys wertvoll.

Häufige Allergieauslöser sollten in der Babynahrung nicht grundsätzlich gemieden werden. Ausnahme: Bei Säuglingen mit mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis (atopischer Dermatitis) ist es ratsam, vor der Einführung von möglichen Nahrungsmittelallergenen einen Allergietest machen zu lassen.

Auf den Punkt gebracht

  • Symptome einer Nahrungsmittelallergie können die Haut, den Magen-Darm-Trakt, die Atemwege und das Allgemeinbefinden betreffen.
  • Mögliche Beschwerden reichen von leichten Anzeichen bis zum anaphylaktischen Schock. Bei Patienten mit heftigen allergischen Reaktionen sollte stets ein Notfall-Set bereitliegen.
  • Hühnerei, Kuhmilch und Erdnüsse sind die häufigsten Allergene des Kindesalters.
  • Im Gegensatz zur Nahrungsmittel-Unverträglichkeit ist die Lebensmittelallergie eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Nahrungsmittel-Eiweiße.
  • Die wichtigste Maßnahme ist der Verzicht auf das allergieauslösende Nahrungsmittel.
  • Stillen ist eine effektive Allergievorbeugung.

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